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Apropos

Angst und Ängste

September 2018

Chemnitz ist in aller Munde – und damit eine sich vielfach manifestierende Angst vor dem Fremden und eine ohne die geringsten Hemmungen zur Schau gestellte Wut. Vor diesem Hintergrund lohnt sich die Lektüre des Textes des Psychiaters und Sozialphilosophen Horst-Eberhard Richter (1923 – 2011), der im Buch "Angst vor Gefahren oder Gefahren durch Angst?" der Progress Foundation (Hrsg. Guy Kirsch) abgedruckt ist. Unter dem Titel "Angst und Ängste" analysiert Richter dort Todesangst, Versagensangst und Fremdenangst und zeigt, welche Persönlichkeitsmerkmale mit Fremdenangst, Fremdenantipathie, ja Fremdenhass einhergehen. Der Aufsatz war seiner Zeit voraus, wenn es heisst: "Die Welle der Ausschreitungen gegen Asylbewerber und Ausländer, die sich im Herbst 1991 zu einer regelrechten Epidemie auswuchs, erzeugte Entsetzen, Verwirrung und Ratlosigkeit. Warum musste das passieren und warum gerade jetzt?" Diesen Satz könnte man heute ähnlich formulieren.
Im Urteil Richters wird die Angst tabuisiert. Es herrsche eine "Okay-Moral" und eine Entertainment- und Ablenkungsgesellschaft verdränge Gefühle wie Kummer, Schmerz oder Angst. Auch der Fremdenhass wurzle zum Teil in dieser gefährlichen Verdrängung. Psychologische Persönlichkeitsmerkmale haben gemäss Richter einen gewichtigen Einfluss darauf, wie wir Fremde bzw. Flüchtlinge wahrnehmen und mit ihnen umgehen. So empfänden misstrauische, kontaktunsichere Menschen mit schwachem Selbstwertgefühl oft Antipathien gegenüber Immigranten. Kooperative, fürsorgliche Leute mit hohem Selbstwertgefühl, die überproportional oft höheren Bildungsschichten angehörten, zeigten dagegen eher Sympathien gegenüber Flüchtlingen.
Richter vertritt allerdings auch die fragwürdige These, unsere westlichen Gesellschaften begegneten im Flüchtlingsproblem "indirekt einem eigenen ursächlichen Versagen", nämlich der selbstsüchtigen Rücksichtslosigkeit und dem Missbrauch wirtschaftlicher Macht der Industrieländer, und er hält relativ pessimistisch die Angst, die Flüchtlingskrise werde zu einem globalen "Inferno von Chaos und Gewalt" führen, für berechtigt.

Der Text ist hier als PDF verfügbar:

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BOOK
Angst vor Gefahren oder Gefahren durch Angst?  (NZZ Verlag)